Leipziger Buchmesse 2015

Kannst du nicht draussen weiterlesen - ich will schlafen!

Wer Objektives über die Messe lesen will, der ist hier falsch. Dazu gibt es die offizielle Homepage der Buchmesse und ganz viele Infos über alle möglichen und unmöglichen Kanäle, z.B. http://www.leipziger-buchmesse.de/

Wer Subjektives lesen will, der ist hier sicher nicht falsch. Extrem zusammengefasst: ich war Anfang März auf dem Genfer Automobilsalon (GENEVA INTERNATIONAL MOTOR SHOW). Die Leipziger Buchmesse ist dasselbe, bloss mit Büchern. Auf geht’s: Leipziger Buchmesse – ohne Schnick und ohne Schnack.

Die Anfahrt

LKW an LKW an LKW an LKW … (Reihe selber fortsetzen). Kennzeichen: alle östlichen Ursprungs – CZ, PL, RO und so weiter. Es zieht sich. Arme Teufel, fahren tagelang alleine in fremden Ländern, ohne Sprachkenntnisse, oft mit gefährlichen Rostschüsseln unterwegs, schlafen in ihren Monstern, leben auf der Strasse, Bezahlung schlecht, Familien weit weg, Ruhezeiten problematisch, immer unter Druck …

Die Unterkunft

war mir vorher schon von früheren Besuchen bekannt und ist ok. Wer Gourmet-Tempel sucht und möglichst viele Sterne braucht, der ist im Markkleeberger Hof falsch, wer ein gutes und sauberes Hotel braucht, der ist da richtig. Ideal vor den Toren Leipzigs gelegen, mit freundlichem Personal und das Abendessen ist – wie sagt man jetzt – (sehr) gut bürgerlich – und über das Bier muss man nichts sagen – Bierkenner wissen, dass Bad Köstritz und Krostitz  nicht weit sind – und Leipziger Allasch gibt’s natürlich auch, der ist mir aber ein wenig zu süsslich. Leider haben sie die von mir so hoch geschätzte Thüringer Rostbratwurst nicht auf der Karte (vielleicht im Sommer zur Grillsaison; habe ich aber dann doch noch in Gera gegessen) und wer Leipziger Allerlei im Original essen will, der hat Pech.

… also weiter:

Medienspektakel !

Die Fernsehleute beherrschen die Szene.

ARD … ZDF … MDR …  Riesenaufwand.

Hunderte Meter von Übertragungswagen draussen auf dem Messegelände, irrsinnig grosse Studios innen.

Kilometerlange Kabel, tonnenweise Equipment, endloses Gequatsche … talk – talk – talk – Hühnerstall – talk – talk – talk.

Die Buchmesse

Verdammt, was ist das? Ich bin im falschen Film!

Aber meine Schuld. Ich hätte mich halt besser vorbereiten sollen!

Was sind das für Leute hier? Wie sehen die denn aus?

Was machen die da?

Wo zur Hölle bin ich da reingeraten?

Erklärung: Manga-Comic-Convention ! (parallel zurBuchmesse)

Die Älteren von uns kennen Mangas höchstens zufällig oder aus Japan-Aufenthalten.

Die Jungen fahren voll drauf ab! Halle 1 und Vorräume voll mit Mangas.

Einfach mal googeln – sind lustige Gestalten: http://www.manga-comic-con.de/de/

Was die jungen Leute sich da trauen – ist gar nicht so wild – ist Karneval – volle Kostümierung – kiloweise Schminke – Haare wild gefärbt – lange Ohren angeklebt – bunte Kontaktlinsen in den Augen – und: alle gut gelaunt und saulustig und wenn die Veranstaltung rum ist, dann hopsen sie wieder zurück in die Bücher, aus denen sie ausgebrochen sind, und dann sind sie wieder  Versicherungsangestellte und Verkäuferinnen und …

Das Geschäft

Eine Messe ist eine Messe ist eine Messe. Verkäufer trifft Käufer. Nicht nur. Alles kostet. Hier ist Kirmes – mit Pommes und Süsskram und … Schulklassen strömen durch die Gänge und sitzen ermüdet auf freien Plätzen auf dem Boden. Manchmal liest sogar einer – eher selten – eher am iPhone, Smartphone …

Möchte die Standmieten gar nicht wissen. Sogar Leipzig liest kostet (habe ich irgendwo gelesen) – Eintritt zur Messe: 16,5 Euronen pro grosse Nase. Kommerz … klar, ist eine Messe. Der Genfer Automobilsalon kostete nur 16 CHF (heute ungefähr 1:1 zum €) – und das in der teuren Schweiz. Aber da war doch was mit Kultur, mit Büchern: vergiss es. Bücher unüberschaubar, Tausende und Abertausende und die grossen Player im Markt sind absolut dominant. Stille und nachdenkliche Töne: deplaziert. Hier dominiert Business! Die Marketingstrategen der Buchkonzerne beherrschen die Szene. Zuerst Plakate – dann Radio-Interviews – dann Hunderttausende investiert in ganzseitige Anzeigen – Auftritt in Talk-Shows – bezahlt oder nicht – das Land wird ersäuft in Mode-Literatur – zu finden in jeder Autobahnraststätte – an jedem Kiosk – dann sogar noch auf der Buchmesse! Am Schluss noch Verfilmung und Vermarktung der Titelmusik. Wie sagte einst der Mann mit dem grossen Bart: „… es wird alles zur Ware.“

Die auffälligsten und häufigsten Produkte:

Fantasy, Historienromane, Ratgeber und Lebenshilfe.

Probleme werden auch angeschnitten, wenn sie vermarktbar sind:

2015: Ukraine-Konflikt ist in.

Da kann man verkaufen.


und jetzt:

Halle 3  Stand E 406

Da war ja noch was:

ach ja, ein kurzer Besuch bei „meinen Engelsdorfern“.

Am Stand anwesend: Frau Kerstin Rost und der Inhaber Tino Hemmann.

Wir hatten es lustig – siehe Bilder.

… selbstverständlich haben wir über die Zukunft gesprochen … das nächste Buch ist in der Pipeline.

Geplanter Titel:     _ _ _ _ _ _       _ _ _        _ _ _ _ _ _ _ _ _ _   ( – ich kaufe ein „E“ ).

Ergänzung 25.06.2015:   _ _ E _ _ E     _ E _     _ _ _ _ E _ _ E _ _


… und zum Schluss noch dies: ernüchternd und deprimierend:

hoffnungsvolle Autoren – oder besser: Autoren voller Hoffnung – sitzen vor leeren Stühlen und lesen erbarmungslos aus ihren Werken. Keiner will es hören – ausser mittags: da nimmt man gerne irgendwo Platz, um was zu essen. Da ist dann auch egal, was der Mensch da vorne vorliest.

Fehlt noch, dass ein Kommentar abgegeben wird wie jener des Kindes, dem die Grossmutter eine GuteNachtGeschichte vorliest: „Kannst du nicht draussen weiterlesen – ich will schlafen!!!“

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