Warum schreibt man ?

Versuch einer Erklärung.

Gute Frage. Warum schreibt man Bücher? Die erste spontane Antwort: das weiss der Geier – und der sagt nix. Diese Antwort ist unbefriedigend, wir brauchen eine kompetente Auskunft. Woher? Nun – von erfahrenen Berufsleuten natürlich. Da ist es aber wie so oft im Leben. Durch die Wahl der Person, die man befragt, gibt man sich die Antwort selbst. So kann man durch die einzelnen Berufsgruppen gehen und die Antworten einsammeln und anschliessend bewerten.

Der Psychiater würde wohl sagen, dass es sich beim Schreiben um eine fixe Idee handelt, ein zwanghafter Vorgang also, der aber gut ist, weil dadurch eventuell irgendein Kindheitstrauma besser verarbeitet werden kann. Ohne Schreiben sei eine sinnvolle Therapie nicht möglich. Ein Abrutschen in einen manisch depressiven Zustand wäre die Folge. Er würde auf Sigmund Freud verweisen.

Ein Priester würde dagegen halten, dass es sich bei diesen papiergewordenen Ideen ganz gewiss um göttliche Eingebungen handelt. Der Herr spricht zu uns durch die Feder des Autors. Er würde auf die Apostel verweisen.

Ein Lehrer wiederum würde im Schreiben den stummen Protest des Schreibers gegen seinen alten Deutschlehrer erkennen. Dieser habe ihm wohl zu oft seine Aufsätze mit einer schlechten Note zurück gegeben und jetzt will es der Autor der gesamten Lehrerschaft heimzahlen und beweisen, dass er doch des Schreibens mächtig ist.

Ein Arzt käme natürlich zu einer medizinischen Bewertung. Ein Zusammenhang des Schreibens mit den aufgetretenen Fieberschüben sei ja wohl offensichtlich und solche Halluzinationen wären auch nicht so selten. Speziell häufiger Drogen-Missbrauch würde zwangsläufig zu diesen Zuständen führen. Auch sonst wirke der Abgang einer geistigen Flatulenz befreiend in jeder Hinsicht. Ein chronischer Buchstabenstau hingegen wäre schwer zu behandeln.

Etwas banalere Antworten kann man von Verlegern und Managern erwarten. Warum jemand schreibt? “Ganz klar. Um Kohle zu machen. Oder kennen Sie noch einen anderen Grund?”

Eine weitere naheliegende Antwort könnte man von einem Richter bekommen. Seine Antwort wäre eine Gegenfrage: “Was soll er denn sonst im Knast machen in all den Jahren?”

Die Aufzählung der berufsbedingten Erklärungen soll mit einem Tierpfleger vom Leipziger Zoo abgeschlossen werden. “Das ist doch wie bei unseren Elefanten. Die müssen geistig beschäftigt werden – sonst verblöden sie und neigen zum Hospitalismus. Sie stehen dann nur im Gehege dumm rum und schwenken den Rüssel hin und her”.

Ach so, die Ehefrau sollte man auch noch fragen und bekäme Antworten wie: ”Ist doch egal. Hauptsache er ist ‘von der Gasse’ und lungert nicht in der Kneipe rum. Ausserdem mischt er sich während der Zeit nicht in meinen Haushalt ein.”

Damit liegt sie in ihrer Einschätzung nahe beim Sozialarbeiter, der der Meinung ist, dass diese Form der Beschäftigung dem Tag eine Struktur gibt und somit den Deliquenten vor Verwahrlosung bewahrt. Man sieht ja, was andernfalls rauskommt.

Viele Erklärungsmodelle stehen also zur Verfügung.

Suchen Sie sich doch Ihre Erklärung selbst oder befragen Sie eine Fachperson oder den nächsten Verhaltensforscher Ihres Vertrauens.

Eine gute Antwort hat mal ein kleines Kind gegeben. Auf die Frage, warum es das mache, sagte es „weil“ – und rannte weg. Das ist natürlich ein hilfreicher Ansatz. Bücher schreiben ist zunächst eventuell zweckfrei, wie ein Spiel. Heutige Bücher sind oft nicht nur zweckfrei, sondern auch sinnfrei.

Für Naturwissenschaftler ist die Frage nach dem ‚Warum‘ eher theologisch und unerwünscht und a priori nicht beantwortbar. Sie fragen lieber konkret. „Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit jemand anfängt zu schreiben?“ – Und somit sind wir wieder am Anfang dieses Artikels.

Belletristik gibt es auf dieser traurigen Welt eigentlich genug.

Was uns fehlt ist Bellelustik.

Es gibt noch 2 mögliche Erklärungen, welche ich aber als von Psychologen stammend und daher als niedrige Beweggründe einordne und entsprechend verachte:

Eitelkeit

Die kann sehr wohl eine Rolle beim Schreiben spielen. Deswegen heisst eine bestimmte Literatur auf englisch auch „vanity press“. Der Ausdruck stammt wohl von den üblichen Literatur-Ayatollahs, die alles hassen, was sich ihrer Oberhoheit entzieht, und die natürlich diese Gattung „runter“ machen wollen. Die sollten sich mal das Vorbild Island anschauen, wo es prozentual zur Bevölkerung die meisten Autoren hat und wo Schreiben eine tief verankerte Tradition ist.

Infantiles Mitteilungsbedürfnis

Vor allem bei Jugendlichen, siehe Twitter und Facebook usw. Jeder muss sofort alles rausposaunen, wo man ist und was man macht und schlussendlich wird man öffentlich permanent mit denen ihrem privatem Mist belästigt – laut ins Handy gesprochen und der ganze Zug und Bus und Tram hört mit – muss mithören, weil man zwar die Augen, aber nicht die Ohren zu machen kann.

Und zum Schluss noch dies und jetzt wird es bitter:

„Warum schreibt man?“

– banale Antwort: „Ei, damit’s gelesen wird, du Halbschuh …“

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