Wieder mal: Autoren-Verlag

Dauerthema: Bezahl-Autoren gegen Bezahl-Verlage

Die Diskussion zu Autorenverlagen (bitte jetzt nicht mit dubiosen Abzockern in einen Topf schmeissen – die gibt es überall!) wird zum Teil mit grosser Gehässigkeit und herablassender Arroganz geführt. Das riecht nach Neid und Missgunst und macht auch vor schulmädchenhafter Petzerei nicht halt. Erschrocken über das Niveau unserer Literatur-Elite bin ich auch beim Lesen eines Beitrages auf einem Autorenforum, wo sich eine Autorin wie folgt äussert:

„…  In unserem Lokalblatt werden immer diejenigen bejubelt, die ein Gedicht in der „Bibliothek deutscher Gedichte“ (…) unterbringen, deren Geschäftsmodell ganz klar und eindeutig ist, wenn man nur mal etwas recherchieren würde. Tun die Redakteure leider begrenzt und als „konkurrierende“ Autorin anzurufen und Aufklärungsarbeit zu leisten, wird meistens nicht als hilfreich empfunden.“

Da möchte sich doch jetzt bitte jeder selber seine Gedanken dazu machen. Da ruft die „konkurrierende“ Autorin also bei Redaktionen an, um ihre Kollegin anzuschwärzen – als ob es etwas anzuschwärzen gäbe – und wundert sich dann, dass solchermassen Neid-Gepetze nicht gut ankommt.

Man/frau beansprucht also das Exklusivrecht des Publizierens. Da geht es nicht um Inhalt und Qualität, hier scheint nur gehässiger Futterneid das Motiv zu sein. Ein Neid darauf, dass auch Nicht-Mitglieder des „inneren“ Zirkels die Möglichkeit haben, etwas zu veröffentlichen.  Das ist derselbe herablassende Dünkel, den andere abgeschlossene Gesellschaften auch praktizieren, welche alle eifersüchtig darauf achten, dass ihre Pfründe nicht angetastet werden.

Da wird auch viel Gehirnschmalz verwendet für exakte Definitionen und Abgrenzungen von Verlag zu Druckerei, also ob nicht jeder Verlag auch eine Druckerei wäre und manche Druckerei auch Verlagsleistungen bietet. Aber lassen wir diese Menschen ruhig weiter hirnen …

 

Mir geht es hier um etwas Grundsätzlicheres als um eine sinnlose Neiddebatte.

Mir geht es um die Demokratisierung des Schreibens. Die wird über die Zunftmeister hereinbrechen, ob sie wollen oder nicht. Die Clubs zur gegenseitigen Beweihräucherung und selbsternannten Niveau-Wächter werden wohl auch irgendwann mal überflüssig.

Selbstverlag, Autorenverlag, Eigenverlag – und das ist nicht das Ende – E-Books nehmen zu und jetzt wird auch vermehrt einfach im Internet veröffentlicht – Literatur womöglich gratis oder mindestens sehr günstig – Youtube lässt grüssen.

Das Urteil von neunmalklugen und selbstherrlichen Lektoren wird einfach überflüssig. Sie kommen einem schon heute manchmal vor wie ein Anti-Beatles-Kommitee aus den sechziger Jahren.

Neulich habe ich gelesen, dieser oder jene Zirkel nimmt keinen auf, der nicht vorher das Wohlwollen eines „einzig wahren und richtigen“ Verlages erworben hat. Oh – das trifft unsereinen jetzt aber hart. Man schottet sich ab – na bestens – nur weiter so. Die Literatur-Ayathollas schaufeln sich selber ihr Grab.

Literatur, die man nur wie einen Tempel betreten kann, wenn man Mitglied der Sekte ist, wird verschwinden.

Kein Wort über die Diskriminierung neuer und junger Autoren durch die „einzig wahren und richtigen“ Verlage.

Kein Wort über die Täuschung der Öffentlichkeit durch die Ghostwriter der „einzig wahren und richtigen“ Verlage, die einen Autor vortäuschen, den es so nicht gibt.

Kein Wort über die  Heerscharen von Lektoren der „einzig wahren und richtigen“ Verlage, die  Fehler ausmerzen und  der Öffentlichkeit glauben machen, der Autor wäre ein begabter Mensch.

Und natürlich auch kein Wort über den Mist, den die „einzig wahren und richtigen“ Verlage nur allzu häufig verbreiten.

Achtung! Jetzt wird es ernst:

Die versammelte Kritikergemeinschaft verachtet Bezahl-Verlage! Gut so! Weiter so! Es sei Ihnen zugestanden! Aber bitte nicht in der Hälfte des gedanklichen Weges stehen bleiben !!!  (- für Lektoren: 3 Ausrufezeichen sind nicht korrekt – der Rotstift muss her!)

Warum diese geistige Trägheit, nur weil der jetzige Zustand für einige sehr bequem ist? Die andere Hälfte wird einfach nicht gedacht. Dann tun wir das jetzt mal.

… und ab hier bösartig:

Wenn auf Bezahl-Verlage geschimpft wird, wie sind denn dann bitte Bezahl-Autoren einzuordnen ???  (- für Lektoren: 3 Fragezeichen sind nicht korrekt – der Rotstift muss her!)

Jetzt bricht es über uns zusammen – verdammt – ein neues Wort: Bezahl-Autoren! Leute, die für Geld das schreiben, was der Verlag für gut hält! Leute, die sich von einem Verlag bezahlen lassen (müssen)! Die also schon vorher bedenken müssen, was verkaufbar oder erlaubt ist – und was nicht.  Wie ehrlich wird diese Art des Schreibens wohl sein?  Man bedenke: für schmutziges Geld gekaufte Literatur (das war jetzt ironisch, gelle) von Leuten, die davon leben (müssen) und sich ihre wahre Meinung womöglich gar nicht leisten können. Ist ja klar, dass solche Aussagen sehr pauschal und damit in gewisser Weise im Einzelfall natürlich falsch sein können. Aber wir sind gebrannte Kinder: da kommt einem doch der alte DDR-Witz in den Sinn:

Das da muss ein wichtiger Mann sein – der hat ein eigenes Auto!

Und der da muss noch wichtiger sein – der hat ein eigenes Haus!

Aber der hier ist sicher der wichtigste – der hat eine eigene Meinung!

Da bezahle ich lieber einen gerechten Preis und schreibe, was mir passt!

Ohne Wenn und Aber.

Ich lasse mir doch nicht von irgendwelchen Leuten in mein Buch reinreden (konstruktive Kritik ausgenommen). Ich verbiege mich doch nicht bis zur Unkenntlichkeit, nur damit das Werk total entstellt dem Geschmack der Literatur-Ayathollas entspricht.

Zukünftig stimmt dann die community im Internet ab, nicht die Lektoren. – „Na, siehst du – schon sinkt das Niveau!“

Ah ja? Und wer bitte hat mit dem Bestseller-Getue angefangen mit welchen Auswirkungen? Das Internet? Ob man verkaufte Exemplare (Best-Seller) oder Likes zählt, das ist doch prinzipiell dasselbe. Und wer verbreitet mehr Müll? Ein Bezahl-Verlag oder einer der „einzig wahren und richtigen“ Verlage? Rechnen wir doch mal kurz: ein Bezahl-Verlag hat sagen wir mal 100 Autoren, die Schrott schreiben und jeweils ihre 30 Exemplare in Umlauf bringen – macht 3’000 Schrottbücher. Ein „einzig wahrer und richtiger“ Verlag hat vielleicht nur 10 Autoren, die Schrott schreiben – und jedes Buch hat eine Auflage von 100’000 Exemplaren – macht 1’000’000 Schrottbücher. Wer verbreitet jetzt also mehr literarische Umweltverschmutzung?

Was ist man eigentlich, wenn man nicht vom Wohlwollen eines gönnerhaften Verlages abhängig ist? Ich will das Rätsel gerne auflösen:

–> ein FREIER Autor, ein FREIER Schriftsteller

Man ist einzig und allein selbst für den Inhalt verantwortlich.

Man ist nicht von der Gnade der Veröffentlichung – natürlich nach kleinen Anpassungen und winzigen Änderungen – durch einen „einzig wahren und richtigen“ Verlag oder gar eines Staates (zur Erinnerung: Reichsschrifttumskammer) oder einer Partei (nennen wir sie mal SED) abhängig. Das gilt sinngemäss natürlich auch für Zeitungen. Zeitungen, wo witzigerweise ganz oben steht „Unabhängig“ und „Überparteilich“ – oder sogar ganz gross das Wort „PRAWDA“ – Wahrheit!

Cäsar – die Lektoren grüssen Dich!

…  und zum Schluss noch ein Bonmot eines „einzig wahren und richtigen“ Verlages als Absage auf eine Veröffentlichungs-Anfrage:

„Unsere Entscheidung musste unabhängig vom Gegenstand Ihres Vorschlages erfolgen“

– oder anders: das hat keine Sau gelesen!

Das Leben ist zu kurz, als dass man auf das Wohlwollen eines Verlages warten kann.

Ich muss hier leider aufhören – ich habe keine Zeit mehr.

Ich muss als Bezahl-Kunde zu meiner BKZB (Backkostenzuschussbäckerei) ein paar Bezahl-Brötchen holen.

Ein dreifaches: Leben und leben lassen !


Stichwort niedriges Niveau bei Selbstverlag etc. – ich will hier aber bitteschön keine Werbung machen:

Schiller: „Die Räuber“ ließ er 1781 im Selbstverlag drucken, da er keinen Verleger fand. Dazu musste er sich 150 Gulden leihen, die den Grundstock seiner Schulden bildeten. (aus: http://www.wissen-im-netz.info/literatur/schiller/bio/kuehnle/)

Voss: Die berühmtesten seiner Übersetzungen sind die der homerischen Epen Ilias und Odyssee; am bekanntesten ist seine Übersetzung der Odyssee geworden, die 1781 „auf Kosten des Verfassers“ erschien und deren einprägsame, bildhafte Sprache Generationen deutscher Leser mit Homer vertraut machte; (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Vo%C3%9F)

auch nicht schlecht:

„Gutenberg hatte keinen Besteller, keinen Vertreiber, keinen Verlag, sogar keine Leser. Für ihn war sein Manuskript wichtig, er hatte viele Jahre dafür geopfert, und hatte nichts anderes gemacht bis er es fertig hatte. Sein Werk hat die menschliche Zivilisation verändert.“ (aus: http://publio.hu/itunes/?page_id=67&lang=de)

Auf http://www.xlibri.de/selbstverlag/eigenverleger.php sind „berühmte Eigenverleger der Gutenberg-Galaxis“ aufgezählt – trotz Werbecharakter lesenswert!

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